Nr.7

Synopsis

Ein klassisches Wiener Mietshaus: Jahrhundertwendebau, ein wenig heruntergekommen, charmant gealterte Holzfenster in grauem Verputz; zumindest die Außenfassade strahlt in frischem Weiß.

Regisseur Michael Schindegger hat die ersten dreißig Jahre seines Lebens hier, in der elterlichen Wohnung im ersten Stock, verbracht. Jetzt wollen er und seine rumänische Freundin Dana heiraten und ausziehen. „Davor“, erklärt er aus dem Off, „will ich mich in diesem Haus noch einmal umsehen.“ Denn auch nach vielen Jahren kennt er die Nachbarn kaum. Die Kamera in der Hand läutet er an den Türen.

Was er findet, ist ein verloren geglaubtes Stück Wiener Kulturgeschichte. Eine vielsprachige, vorwiegend jüdische Hausgemeinschaft, die hier ihren ganz eigenen Rhythmus lebt und den Regisseur herein bittet, um daran teilzuhaben. Die Hausbesitzersfamilie wohnt auf mehreren Etagen: Eltern, Töchter, Schwiegersöhne und Enkel. Gemeinsam betreibt man im Erdgeschoss eine koschere Fleischerei, ein Treffpunkt der jüdischen Community. Hier werden Sandwiches verpackt, neben der Theke diskutieren junge Männer mit Baseballkappen den Wert der Sabbatruhe. Auf dem Dach zimmern Hausbewohner einen Pavillon für das Laubhüttenfest.

Schindeggers Dokumentarfilm lebt von der persönlichen Begegnung des Regisseurs und Kameramanns mit den Menschen. Als Chronist seiner letzten Wochen „daheim“ ist er immer wieder selbst in Bild und Ton präsent, sieht zu, fragt, steht auch mal im Weg. Gerade, weil der Filmemacher ohne These loszieht, ist er offen für jedes Detail und findet umso mehr.

Wer Wien kennt, weiß, dass diese Hausgemeinschaft für einen schweren Wiederbeginn steht: In der Zwischenkriegszeit hatte einmal die Hälfte der Bewohner des 2. Bezirks Leopoldstadt, den der Volksmund „Mazzesinsel“ nannte, jüdische Wurzeln. Heute gibt es statt der damals 60.000 jüdischen Bewohner dort gerade einmal 3.000. Doch es werden wieder mehr.

„Nr.7“ ist eine Momentaufnahme aus dem Jahr 2011. Das Porträt einer Hausgemeinschaft und deren beneidenswert warmer Atmosphäre. Aber natürlich ist dieser Film, in seiner unausgesprochenen historischen und politischen Einsicht, mehr als das.


Michael Schindegger im Gespräch mit Maya McKechneay:

„Nr.7“ porträtiert das Wiener Mietshaus, in dem du aufgewachsen bist. Die dokumentarische Handlung des Films endet mit deiner Hochzeit, der Auszug aus der Wohnung des Vaters bahnt sich bereits an: „Nr.7“ ist also zugleich ein Film über einen Abschnitt deines Lebens, aber auch über das Haus und seine Bewohner. Wie ist es zu diesem Projekt gekommen?

Ausgangspunkt war ein Gedanke, der mich schon länger beschäftigt hat: Wie kann es sein, dass ich schon immer hier lebe und meine Nachbarn nicht kenne? Ich habe damals mit Freunden und Bekannten über dieses Gefühl gesprochen und die meisten hatten ähnliche Erfahrungen in Wien. Meine damalige Freundin und jetzige Frau, Dana, stammt aus Rumänien. Dort wäre es undenkbar, nichts über seine Nachbarn zu wissen.

Also habe ich mich auf die Suche gemacht, war neugierig, wollte das dokumentieren.
Dazu musste ich aber zuerst mein eigenes Schamgefühl überwinden. Es war schon eine paradoxe Situation, nach dreißig Jahren Desinteresse, kurz vor dem Auszug, bei den Leuten anzuläuten und zu sagen: Ich will Sie kennen lernen!

Im Film hat man aber den Eindruck, dass dir die Nachbarn ausnahmslos freundlich und aufgeschlossen begegnen.

Naja, ich kannte schon die Gesichter aus dem Haus. Dadurch war mein Anklopfen an der Tür nicht die Vorstellung eines völlig Unbekannten. Die wussten: Das ist der aus dem 1. Stock. Das war mein Bonus.

Haben sich manche trotzdem der Kamera verweigert?

Ja – es gab Nachbarn, die nicht dabei sein wollten. Ein Paar hat mir z.B. einen kurzen, freundlichen Brief geschrieben, dass sie das nicht möchten.

Das Mietshaus gehört einer jüdischen Familie und die meisten Bewohnerinnen und Bewohner sind auch jüdischen Glaubens. Im Erdgeschoss liegt ein koscheres Gassenlokal, in dem du auch gefilmt hast. Einige der Mieter arbeiten dort ...

Das ist eine koschere Fleischerei. Die betreibt die Familie, der das Haus gehört, seit gut zehn Jahren. Sie ist zugleich auch ein Treffpunkt der Community. Die Kunden kommen aus einem sehr unterschiedlichen jüdischen Background.

Leider wollte der Hausbesitzer selbst nicht mitmachen. Aber seine beiden Töchter und Schwiegersöhne, die auch mit ihren Familien im Haus leben, kommen im Film vor. Es ist in orthodoxen jüdischen Familien übrigens oft so, dass die Töchter eher im Umfeld der Familie bleiben, während die Söhne wegziehen.

In deiner eigenen Familie ist es umgekehrt. Im Film sieht man deinen Vater mit zwei Söhnen in der Wohnung kochen, diskutieren.

Wir sind eigentlich fünf Brüder. Die ältesten drei waren damals schon ausgezogen, und jetzt eben ich auch.

Die Religion ist ein großes Thema in „Nr.7“. Im Fall deiner Familie kommt sie allerdings nicht wirklich zur Sprache: Bist du selbst religiös aufgewachsen?

Wir Kinder sind noch relativ katholisch erzogen worden. Mein Vater wird allerdings, je älter er wird, immer kirchenkritischer und liberaler. Er ist ein gläubiger Mensch, der auch in die Kirche geht, aber sehr offen und auch interessiert an anderen Konfessionen.

Das überrascht mich: Ich hatte angenommen, dass auch deine Familie Teil der jüdischen Hausgemeinschaft wäre.

Wirklich? Ich glaube, sogar manche Nachbarn wussten uns nicht recht einzuordnen. Es gab einen Bewohner, der nach Wochen, in denen wir Vorgespräche für den Film geführt haben, gefragt hat, ob ich denn jüdisch wäre. Ich glaube, er ist davon ausgegangen, dass es so ist, und war dann verwirrt, weil ich vieles nicht wusste.

Es gibt in „Nr.7“ öfter Situationen, in denen man nicht weiß, welches Gesicht jetzt zu welcher Familie gehört, wer in welchem Stock lebt und wer mit wem verwandt ist. Das finde ich auch gut so, man soll ja in dem Film selbst etwas entdecken können.
Und wenn jemand mich und meine Familie für jüdisch hält, dann ist das ja interessant. Obwohl es nicht stimmt.

Einen Hinweis gibt es wohl: Dir wird einmal sanft aber bestimmt von einer Nachbarin bedeutet, die Kamera auszuschalten, nachdem sie in ihrer Wohnung die Sabbatruhe eingeleitet hat.

Durch das lange Zusammenleben im Haus weiß ich manches, aber vieles eben auch nicht. Im Film sieht man zum Beispiel, wie für das Laubhüttenfest eine Laube auf dem Dach gezimmert wird. Früher fand das bei uns im Hof statt. Es gab auch viele Gespräche, in denen mir die Nachbarn Dinge erklärt haben – jeder auf seine Art. Die jüdische Gemeinde hat viele Facetten . Das ist so ein richtiger Schmelztiegel an Kultur.

Das Haus steht in der Taborstraße, im 2. Wiener Bezirk, der Leopoldstadt. Wenn man in Wien lebt, weiß man, dass diese Gegend früher „Mazzesinsel“ genannt wurde. Vor 1938 lebten dort 60.000 Juden. Heute sind es 3.000. Wenn man diese Vorgeschichte kennt, nimmt man eure Hausgemeinschaft natürlich erst recht als etwas Besonderes wahr. Hattest du dir überlegt, den historischen Kontext filmisch einzuarbeiten?

Ich habe Bücher gelesen, recherchiert, wie die Besiedlung in diesem Gebiet war, habe mir Telefonbuchauszüge angeschaut ... wo sich die Namen 1938 plötzlich völlig ändern.

Die jüdische Geschichte des 2. Bezirks hat mich schon interessiert. Aber eher, um den Kontext für meine aktuelle Bestandsaufnahme zu kennen. Ich habe mir gedacht: Wenn es von den Leuten selbst zum Thema gemacht wird, dann ist es im Film drin. Wenn nicht, dann nicht.

Wir haben über den Inhalt, aber noch kaum über die Form deines Films gesprochen: Hast du von Anfang an geplant, in der Dreifachfunktion von Regisseur / Kameramann / Protagonist zu agieren?

Die Kamera wollte ich auf jeden Fall selber machen: Ich studiere ja eigentlich Kamera an der Wiener Filmakademie und wollte in diesem Fall auch das Team möglichst klein halten, um eine intime Situation herzustellen.

Dass ich meine persönliche Geschichte so stark einbringen und selber auch vor der Kamera zu sehen sein werde, habe ich erst relativ spät entschieden.

Hat es große Überzeugungsarbeit gebraucht, um deine eigene Familie vor die Kamera zu bekommen?

Nein – es war nur schwierig zu entscheiden, wann ich dort filme. Ich hätte ja ständig etwas aufnehmen können. Gerade, wenn man ein spannendes Gespräch führt, in dem es um Themen geht, die auch im Film relevant sind, dann will man ja auch filmen. Es stellt sich die Frage: Sprech’ ich das jetzt an für den Film – oder weil es wichtig ist?

Innerhalb deiner eigenen Familie hast du dich auch für klar inszenierte Momente entschieden, wenn du zum Beispiel die Kamera von oben auf euer gemeinsames Bett blicken lässt, wenn deine Freundin und du eure Hochzeit diskutiert.

Damals haben wir eine alte Hochbettkonstruktion in meinem Zimmer genutzt, um die Kamera am Stativ abzuhängen ... Die Situation ist einerseits gestellt, andererseits aber auch ganz typisch und real, weil sie sich genau so immer wieder abspielt. Nach einem langen Tag liegt doch fast jedes Paar im Bett und bespricht Dinge.

Eure Hochzeitsplanung zieht sich als roter Faden durch den Film und markiert auch das Vergehen von Zeit: Gegen Ende des Films reist dein Schwiegervater an und will zur Feier hunderte Bekannte einladen, weil das in Rumänien so üblich ist. Wie ist die Hochzeit denn gelaufen?

Schön, es war super. Aber ein völliger Wahnsinn.